Freitag, 13. März 2015

Was ist richtig und gut?



Ich habe Psychologie studiert und bin eher in den Geisteswissenschaften als in der Ökonomie beheimatet. Aber je älter ich werde, umso brennender hat mich „die andere Seite der Medaille“ zu interessieren begonnen. Dabei habe ich mich gefragt, wie Wirtschaft & Politik „funktionieren“ – und wieso dieser Begriff in Bezug auf Menschen schrecklich für mich ist?

Ein paar meiner Erkenntnisse will ich hier zusammenfassen, weil diese mir dabei geholfen haben, mich und andere Menschen umfassender zu verstehen.

Was ist Wirtschaft? Was ist Politik?

Sowohl Wirtschaft als auch Politik sind Systeme: Verwaltungsapparate, die auf Hierarchien aufgebaut sind. Ihr Ziel ist primär ihr Selbsterhalt. Das ist ähnlich, wie bei einem Organismus: der will auch in erster Linie eines: Überleben. Aber nur „ähnlich“, nicht gleich. Warum?

Maja-Kultur (3000 - 900 v. Chr.


Anders als lebende Systeme sind Machtsysteme hierarchisch aufgebaut. Das heißt, dass es auf jeder Stufe und jeder Position jemanden gibt, der eine Rolle zu erfüllen hat, der also genau genommen austauschbar ist. Denn: handelt er anders, als von seinen Mitspielern „für den Systemerhalt dienlich“ gesehen, wird er „ausgeschieden“ (gemobbt, gekündigt, gemieden o. ä.).

Wenn also z.B. ein Präsident, wie Barack Obama zum Präsidenten gewählt wird, dann nimmt er zwar eine Position an der Spitze der Hierarchie „Politischer Machtapparat“ ein, kann aber nur „im Sinne des Systems“ wirksam werden. Haben innerhalb des politischen Machtapparats z.B. fast nur wohlhabende Akteure Positionen inne, die ihr Geld mit Waffenhandel verdienen, dann werden diese früher oder später einen Markt dafür „verlangen“ oder hervorrufen. Die Situation ist so, als wäre Obama von einer Herde Hämmer umgeben, die allesamt „Nägel! Nägel! Nägel!“ rufen.

DAS bedeutet „funktionieren“ – dass Ziele als not-wendig erscheinen, die zwar System-erhaltend, gleichzeitig aber lebensfeindlich sind.

Wichtig ist dabei, dass Systeme in der Sprache beginnen; welche Begriffe positiv besetzt sind, wofür es überhaupt Worte gibt und inwiefern die Grammatik bereits hierarchisch aufgebaut ist. Einen Satz mit „Subjekt“ und „Objekt“ gibt es nicht in allen Sprachen! Und welche Begriffe kaum noch oder gar nicht mehr genützt werden – wie „Muße“, „gebührend“ oder „erhaben“ – ist auch von Bedeutung!

Im Gegensatz zu einem lebenden Organismus, der bereits mit der Absicht geboren wird, zu leben und zum Wohl anderer beizutragen, entbehren die Verwaltungssysteme genau DIESE entscheidende Ingredienz. Im Organismus müssen alle Zellen kooperieren – und ist jede Zelle gleich-wertig - Verwaltungs-Systeme sind hingegen "sachbezogen" (auf Gewinn hin) und "gehorsam" ("der über mir entscheidet!") organisiert. Um immer "effizienter" zu verwalten, werden ArbeitnehmerInnen unter immer größeren Arbeits- und Zeitdruck versetzt - das steigert Gewinne.

Zeitdruck ist Gewalt nach innen. Er macht krank und zerstört Beziehungen

Es geht nicht an, dass immer weniger Zeit für uns selbst, für unsere Familien und Freundschaften, Nachbarschaft und sinnvolles Sein zur Verfügung steht! Für Gemeinschaft und Verbindung! Uns allein Fühlen aktiviert eine unserer menschlichen Ur-Ängste: "Existenzangst" - weil wir allein nicht überleben können.

Angst macht dumm und verengt die Vorstellungskraft gegenüber Alternativen. Und ich beobachte immer mehr Menschen, die von Existenzängsten gebeutelt werden. Viele davon suchen individuelle Strategien, besser mit ihrem Leben zurande zu kommen – aber ist das nicht ein weiterer Schritt in die falsche Richtung?

Braucht es nicht Ideen und Angebote, die Richtung menschenwürdige(re)n Lebens weisen?
Beispiele:
  •  Die „Gemeinwohlökonomie“ zielt in diese Richtung - sie bezieht das Wohl der Gemeinschaft in die Bewertung wirtschaftlicher Erfolge mit ein.
  • Das „Bedingungslose Grundeinkommen“ ist für mich ein Schritt Richtung Lösung. Weil es einen Ausweg aus der fatalen Gleichung „Geld = Leben“ bereitstellt. 
  • Und die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall B. Rosenberg, weil sie ein Einüben in hierarchiefreies Sein ermöglicht und zugleich jeden Menschen an seine Verantwortung gegenüber sich selbst und andere erinnert. „Funktionieren“ oder „Effizienz“ hat Marshall Rosenberg als Amtssprache bezeichnet – der die GfK mit einer wieder-menschlichen Sprache antwortet. Einer Sprache, in der Menschen von ihren Gefühlen & dem, was sie benötigen sprechen. Dabei zeigen wir uns in unserer Menschlichkeit und Größe – und hören auf, Teil eines wie-immer-gearteten Systems zu sein. 

Wieso ist das richtig und gut? Das wußte bereits Hildegard von Bingen:

„Jedes Geschöpf ist von einem anderen abhängig, alles ist miteinander verbunden und aufeinander angewiesen, alles antwortet einander und hält einander in Spannung.“
 

Mittwoch, 3. Dezember 2014

In dieser Zeit




(C) by Andrea Leindl, 2012


Mir war und ist oft alles zu viel gewesen und noch. Und nun bin ich nackt geworden, diese Weihnachten. Ein Kahlschlag hat stattgefunden aus dem sich, wie trotzige Leuchttürme, immer öfter Tannenbäume erheben werden, rund um mich.

Sie werden bunte Kugeln tragen oder Kerzen, blinken oder flackern... und ich werde meine Eltern verloren haben, mein Zuhause und auf Kur sein.

Dort werde ich einen Schlüssel ausgehändigt bekommen und in ein mir neues Zimmer Einzug halten, einen Koffer mit alten Sachen hinter mir herziehend, die mir als Erinnerungshilfe und Identitätsstifter dienen werden – von sauberen Unterhosen über kleine Polster, die ich schon mit mir herumtrage, seit ich Kind war.

Das Zimmer wird schon viele GästInnen beherbergt haben, die genau wie ich, ihre zuerst-Fremdheit und ihr Umhersuchen allmählich abgelegt haben werden. Die hier am Klo gesessen sind und sich die Fliesen angeschaut haben und geschnuppert haben, welchen Geruch das Zimmer angenommen hat und nun wiedergibt. Trotz unzähliger Putzaktionen und Wischprozeduren, Spurenbeseitigungsversuchen, wie üblich, werden ihre Körper doch die Matratze eingedrückt und das Sofa gewetzt oder bedruckleibt haben. 

Wir alle sind Verschleissverantwortliche und unser Dasein bleibt mikroskopisch klein vorhanden – auch in der Luft, die um die Erde weht.

Die Zimmernummer wird mir bedeutungsvoll erscheinen, wie jedes Mal bei all den nummerierten Zimmern meines bisherigen Lebens.

Und wenn Weihnachten kommt, werden ein paar der versprengten Bademantel-Menschen in diesem Gast-Haus, wie ich, eine wieder-überraschende Nähe zu einander miterleben: 

Weil wir nackt sind und uns gegenseitig Freude bereiten, nur durch unser Da-Sein.

Samstag, 5. Juli 2014

Was der Maulwurf weiß?


„Der Mensch blickt in die Zukunft, wie ein Maulwurf in sein Erdloch“ *

Nur dass der Maulwurf in seinem Erdloch zu Hause ist.
Während ich, Mensch, in meiner Zukunft ganz und gar nicht heimisch werde.
Wenn ich der Maulwurf bin und nicht der Mensch, der ihn sich als Metapher ausgedacht hat, dann wende ich mein rosa weichpelziges Nasenspitzerl rasch zum Erdloch,
und bewege meine Grabebeinchen da hinein.
Es duftet erdig. Ein leichter Duft von Engerling... der zieht mich magisch an... und bald schmecke ich dieses köstlich knaxende Etwas.
Es braucht keinen Namen, weil ich es niemandem erzähle.
Ein köstlicher Moment in meinem Maulwurfsleben.

„ACHTUNG – FERTIG – LOS!“ – das ist lustig. Ich mag diese 3 Wörter urgerne. Weil es dann immer spannend wird und ein bissi abenteuerlich. 
Vielleicht gehen dann auch immer Wettkämpfe los und strengen sich alle sehr an. 
Und jetzt hat es Bettina gesagt und ich weiß, dass es um gar keinen Wettkampf geht. Sondern dass wir Schreiberlinge jetzt alle an unseren gewählten Plätzen sitzen und uns vertiefen, in unsere Schriften.
Der Kuli kratzt leise und die Uhr tickt laut und meine Hand mit dem Kuli wirft einen lustigen Vogelschatten, wobei aus dem Schnabel die Buchstaben fließen.
Wenn ich nur auf den Schatten schaue, dann entsteht an der Spitze dieses unwirklichen Lichtschattenvogels auf geheimnisvolle Weise etwas HIER ganz reales.

Gerade habe ich mich anders hingesetzt und plötzlich ist der Vogel weg und was anderes, deutlich eckiger und aufrecht ist nun erschienen.
 Wie oft werde ich noch wo sitzen, in diesem meinem Leben, und werde schreiben und diese Wirkung erleben: Wie plötzlich wieder Stille entsteht
und die Gedanken deutlich langsamer werden, weil sie sich der Geschwindigkeit meiner nicht-hetzen-wollenden Hand anpassen müssen. 

Die passende Schreibgeschwindigkeit für diesen Moment zu finden ist wie beim Singen den Ton des Moments zu finden. Und wahrscheinlich entscheidet das Tempo auch über die Form der Schrift.
 So, wie ein gemächlich gehender oder mit sich im Einklang gehender Mensch anmutig und sehenswert wandert, spricht auch die Schrift von der Schlichtheit des Augenblicks, vom sich-Zeit-genommen-haben des Schreibenden.

Und jetzt krächzt ein Rabenvogel um die Ecke und Bettina verkündet das Ende unseres Schreibens.
War der Vogel zuerst da oder Bettina’s Stimme?


* Das Maulwurf-Zitat stammt aus "Innana", Sumerisches Myhtentheater - sein Bild von Frank Meisel